Das Ende naht

Leo läuft am Strand Santa Teresa in Costa Rica.

Heute in einem Monat wird unser Containerschiff in Richtung Europa ablegen. Unser letzter “richtiger” Reisemonat bricht an. So ganz vorbei wird unsere Reise mit der Ankunft in den Niederlanden zwar noch nicht sein, aber es fühlt sich für mich trotzdem wie ein Ende, wie ein zurück nach Hause an.

„Und? Wie ist es für euch, dass nun bald Schluss mit dem Reisen ist?“, fragen seit einem Weilchen Familie und Freunde. Obwohl ich mich natürlich darauf freue, alle bald wiederzusehen, macht sich in diesen Momenten ein Gefühl von „aaaahhh neeeein!“ in mir breit.

Jetzt schon nach Hause? Nach gerade mal 30 Monaten Reise? Wollen wir das wirklich? Für Sebastian ist es einfacher, denn er ist sich sicher: “Ja, ich will heim.” Nicht, dass er keine Lust mehr auf diese Reise hätte, aber er freut sich neben dem Wiedersehen mit Familie und Freunden auf das Gefühl, sein Potenzial, seine Arbeitskraft und seine Motivation in etwas Neues stecken zu können. Und auf regelmäßigen Sport freut er sich auch.

Bei mir sieht das irgendwie anders aus. Klar, auch ich freue mich auf meine Freunde und meine Familie. Ich freue mich darauf, die in der Zwischenzeit geborenen Babys, die mittlerweile fast schon alle laufen können, kennenzulernen. Ich freue mich auf den Besuch einer richtigen Bäckerei, auf bezahlbaren Käse und darauf, das Leitungswasser bedenkenlos trinken zu können. Ich freue mich auf eine Bettdecke mit einem sie komplett umschließenden Bettbezug und nicht diese Wolldecken, von denen mich nur ein Leintuch trennt, das während der Nacht immer verrutscht. Ich freue mich auf mein Fahrrad, auf Spaziergänge ohne Hinweise wie „Nehmt eure Kamera nicht mit, es könnte sein, dass ihr überfallen werdet“ oder Sorge vor Affen oder Schlangen. Ich freue mich darauf, ein Restaurant auch zwei- oder sogar dreimal besuchen zu können.

Aber trotzdem: Wenn ich an unsere Rückkehr denke, macht sie mir auch Angst. Wo sollen wir dann wohnen? Was will ich arbeiten? Wieder das Gleiche wie vor der Reise? Wäre das nicht eine vertane Chance, einfach in das Altbekannte zurückzugehen? Wäre es nicht besser, etwas Neues auszuprobieren und mich weiterzuentwickeln? Aber was soll das sein? Will ich nochmal studieren? Eigentlich nicht. Eine Weiterbildung machen? Das würde mir gefallen, aber möchte ich mich zwei, drei Jahre binden, wirklich in Deutschland zu bleiben?

Leo berührt einen wilden Grauwal.
Es gab so viele unglaubliche Momente auf dieser Reise. Wie wird es wohl zurück in Deutschland, in einem Leben, das eher von Gleichmäßigkeit und Beständigkeit als von Abwechslung und neuen Erfahrungen geprägt ist?

Die Entscheidung für diese Reise war keine, die ich in sieben Atemzügen getroffen habe, so wie es das Hagakure, der alte Verhaltenskodex der Samurai, rät. Es war eher ein langes Abwägen, ein von-allen-Seiten-betrachten. Es gab „Pro“ und „Contra“-Listen, es gab viele Gespräche. Am Ende kann ich gar nicht ganz sagen, wann mein point of no return erreicht war. Ich erinnere mich nur an den 60. Geburtstag meiner Mutter, an dem alle Gäste zu wissen schienen, dass wir diese Reise machen werden und ich mit so vielen Menschen darüber sprach, dass ich abends im Bett zum ersten Mal wirklich das Gefühl hatte: „Ja, wir machen das!“

Uns für diese Reise zu entscheiden, war ein Prozess, der uns in etwa ein halbes Jahr begleitete. Und die Entscheidung, die Reise zu beenden, ist ebenfalls ein Prozess. Das erste Mal war es in Seoul, als die Sprache auf ein mögliches Ende unserer Reise kam. Es war Oktober und bald sollten wir mit einem Containerschiff nach Mexiko übersetzen. Unser Gespräch war folglich rein theoretischer Natur, denn kurz vor der Pazifiküberquerung wollten wir auf keinen Fall umdrehen. Jetzt sollte es erst mal weiter auf die andere Seite eines riesigen Ozeans gehen. Trotzdem fragte ich mich bereits an diesem Abend: „Ist das der Anfang vom Ende?“

Ein Containerschiff von der Brücke aus betrachtet.
Jetzt geht es erst mal auf die andere Seite des Pazifiks

Etwa drei Monate später, irgendwann Ende Januar auf Mexikos Baja California, wirft Sebastian die Frage erneut in den Ring. „Wie lange wollen wir denn noch reisen? Ewig wollen wir doch auch nicht immer weiterziehen, oder?“ “Doch, wollen wir!”, ist mein spontaner Gedanke. In den kommenden Wochen wird klar: Sebastian möchte Weihnachten 2019 wieder zu Hause feiern. Meine Reaktion fällt eindeutig aus: „Was? Dieses Jahr willst du noch zurück? D-i-e-s-e-s Jahr? Das ist viel zu früh!“ Es ist Januar…

Doch der Gedanke, so bald schon wieder zu Hause zu sein, versetzt mich in Stress. Wir wollen Mexiko und Mittelamerika ohne Zeitdruck bereisen und ich beginne von hinten zu rechnen: Wenn wir Weihnachten wieder zu Hause sein möchten und nicht vom Hafen auf direktem Weg zu unseren Eltern fahren wollen, dann müssen wir uns spätestens im Oktober auf die Heimreise machen. Das bedeutet sieben Monate für sieben Länder. Viel zu wenig Zeit. Das schaffen wir ja niemals. Der Luxus der Langzeitreisenden… Für viele andere wäre es ein Übermaß an Zeit, bei dem sie gar nicht wüssten, wie sie sie füllen sollten.

Die Wochen und Monate ziehen ins Land und vorsichtig beginnen wir, unsere Fühler in Richtung Containerschiff-Verbindungen von Mittelamerika nach Europa auszustrecken. Mein Widerwille gegen das nach-Hause-kommen legt sich ein wenig, die Vernunft scheint zu siegen.

Im Juni buchen wir unsere Atlantiküberquerung von Panama in die Niederlande. Ende September wird das Containerschiff fahren. Irgendwie tut es auch gut, dass wir jetzt mal wieder einen Termin haben. Wir beide merken, dass wir die Zeit unserer Reise mehr schätzen, seit sie wieder endlich geworden ist. Nach sechs Monaten in Mexiko legen wir einen Zahn zu und besuchen in sehr viel kürzerer Zeit Guatemala, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica.

Leo und Sebastian stehen neben heißer Magma am Vulkan Pacaya in Guatemala.
Wir erleben die Zeit intensiver, seitdem wir wissen, dass wir nicht mehr open end reisen werden

Und jetzt sind wir schon in unserem vorletzten Land Mittelamerikas. Nur noch Panama liegt vor uns, dann geht es zurück nach Europa. Wobei wir uns das Zurückkommen spannend halten werden. Statt uns in den Zug zu setzen und in weniger als acht Stunden wieder bei unseren Eltern auf der Matte zu stehen – das wäre nun wirklich zu schnell! –, wollen diese Reise so enden lassen, wie wir sie begonnen haben: langsam. Deshalb werden wir ab Rotterdam mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Und auch das nicht auf dem direkten Weg, sondern über Amsterdam, Norddeutschland, Berlin, Ostdeutschland, München und Augsburg.

Unseren letzten Reisemonaten blicke ich daher mit Freude entgegen. Das Einzige, was mich beschäftigt, ist das Danach. Mich erinnert die momentane Phase ein bisschen an die Zeit nach dem Abitur. Damals war klar: Jetzt kommt was Neues. Jeder fragte: „Und, was willst du nach dem Abi machen?“

Es erfüllt mich mit Unsicherheit, das alles offen ist. Aber ich will mich jetzt noch nicht darum kümmern. „Kommt Zeit, kommt Rat“ ist mein ausgelutschter Hilfssatz, der mich immer unterstützt, wenn ich mich a) nicht entscheiden kann oder b) einfach nicht weiß, was kommen soll. Und statt mir zu viele Gedanken über das Ende der Reise und das Wiedereinleben zu Hause zu machen, will ich einfach unsere Reise genießen. Jetzt sind wir hier! Es liegt noch so einiges vor uns und das will ich auskosten. Wenn wir eines auf dieser Reise gelernt haben: Es wird sich schon alles fügen, wenn es so weit ist.

Leo und Sebastian beginnen in Ho-Chi-Minh-Stadt ihre Fahrradtour durch Vietnam.
Fahrrad fahren macht Spaß und pustet den Kopf durch. Vielleicht ist es genau deshalb das perfekte Transportmittel für uns, um langsam wieder zu Hause anzukommen.

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4 Comments

  1. Oh, liebe Leo, das ist so schön geschrieben. Ich kenne jeden einzelnen Gedanken davon auch 🙂 Vielleicht hilft es mir, euch weiter zu folgen, um einem Neubeginn mutig und erfüllt entgegen zu blicken. Und dann, wenn es auch bei uns soweit ist, schaffen wir es hoffentlich endlich, uns “in Echt” zu treffen…

    1. Dankeschön, liebe Franzi! Wir freuen uns sehr, wenn wir euch unterstützen können, eurem eigenen Neubeginn (irgendwann mal) mutig entgegenzublicken. Bis dahin möchten wir uns aber mithilfe eurer Berichte von zu Hause aus weiter auf spannende Reisen beamen lassen! 😉 Und wenn ihr dann irgendwann wieder nach Hause kommt, dann treffen wir uns endlich mal im wahren Leben! 🙂

  2. Liebe Leo. So schön geschrieben! Obwohl keine Langzeitreisende, kann ich deine Gedanken nachvollziehen! Und auch, wenn wir ebenfalls noch nicht zu Hause sind und es ja auch noch etwas dauern wird, freue ich mich, dass wir uns bald wieder in der Nähe wissen und das hoffentlich nutzen werden! Ich hab dich lieb :*

    1. Danke du Liebe! Die Freunde wieder in der Nähe zu haben, ist einer der schönsten Punkte am Zurückkommen! Und ich freu mich schon sehr darauf, euch dann mit einer kurzen Zugfahrt besuchen zu können und nicht über ein Jahr lang über Land anreisen zu müssen 😉

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