„Bienvenue en Erzurum!“

Regenwolken über Erzurum

Es wird langsam dunkel, als wir in Erzurum den Ort erreichen, den uns unser neuer Gastgeber Fesih als Treffpunkt beschrieben hat. Wir schauen uns um. Große Wohnblocks grenzen an eine freie Fläche voller Schotter und Erde, auf der graue Schneereste und auch etwas Müll verstreut liegen. Der Boden ist mit großen Pfützen übersät, auch jetzt regnet es. Zum dritten Mal rufen wir Fesih an, aber wieder nimmt er nicht ab. Wir schauen uns an. Wie lange wollen wir noch warten und wann machen wir uns auf die Suche nach einer anderen Unterkunft? Langsam beschlagen die Scheiben des Mietwagens, als Fesih schließlich zurückruft. Endlich! Die Kommunikation ist schwierig, er scheint uns nicht wirklich zu verstehen. Auf einmal beginnt er, Französisch mit uns zu sprechen. Wir kramen alles, was wir von unserem Schul-Französisch noch irgendwo im Kopf haben, zusammen und schaffen es, dass Fesih aus einem der großen Häuserblocks heraustritt. „Bienvenue en Erzurum!“, strahlt er uns an.

Meer vor Bergen
Unser letzter Stopp am Schwarzen Meer ist Trabzon, von wo aus wir Richtung Erzurum im Landesinneren aufbrechen. Wir sind begeistert von den plötzlich auftauchenden hohen Bergen!
Hagia Sophia in Trabzon
In Trabzon besichtigen wir die Hagia Sophia, früher eine Kirche, heute als Moschee genutzt
Sebastian sieht sich Fresken in der Hagia Sophia an
Einige der beeindruckenden Fresken sind noch zu sehen
Das Kloster Sumela in den Bergen
Einen weiteren Zwischenstopp auf dem Weg nach Erzurum legen wir beim Kloster Sumela ein, dass sich an die Felsen schmiegt. Leider ist es wegen Renovierungsarbeiten aktuell nur von außen zu besuchen.

Mit unseren großen Rucksäcken quetschen wir uns zu dritt in einen winzigen Aufzug. Er stoppt im vierten Stock und zu Fuß geht es weitere vier Stockwerke hinauf. Wir kommen ordentlich ins Schnaufen, denn Erzurum liegt auf 1950 Meter Höhe. Unsere einsetzende Schnappatmung hat bestimmt damit zu tun…?

 
Direkt unter dem Dach stoppen wir vor einer Türe und Fesih bedeutet uns, die Schuhe auszuziehen und einzutreten. Ich erkenne einen winzigen Gang, indem eine kleine Küchenzeile gerade so Platz findet. Der schlauchförmige Raum macht hinten einen Knick um die Ecke, mehr kann ich nicht sehen. Ich schaue Fesih fragend an, hier hinein mit dem ganzen Gepäck? Er nickt und ich laufe zwei Meter nach vorne. Mein Rucksack bleibt an der niedrigen Decke hängen und es wird immer enger. Hilfe, ich stecke fest! Schnell nehme ich den Rucksack ab und linse um die Ecke. Geht es dort weiter? Ende. Sackgasse. „Hä, was ist das denn?“, frage ich mich. Es ist gemütlich hinter der Ecke, ein kleines Fenster lässt uns in den Regen und die Dunkelheit blicken, der Boden ist mit Teppich gepolstert und viele Kissen verkleiden die Wand. Wäre da nicht die Raumhöhe von knapp 1,50 Metern, die uns nur gebückt laufen lässt. Zudem hat das Miniräumchen eine Fläche von etwa 2m². Auch Sebastian hat seinen Rucksack mehr schlecht als recht irgendwo in dem kleinen Gang deponiert und lässt sich neben mir auf die Kissen sinken. Kurz steigen klaustrophobische Gefühle in mir hoch, in dieser kleinen Höhle. Zum Glück bietet uns Fesih einen Tee an, den wir gerne annehmen und der mich erstmal ablenkt von der Enge.

 
Do you live here? Will we sleep here?“, fragen wir unseren Gastgeber. Er schaut uns nur ratlos an und scheint unsere Fragen nicht verstanden zu haben. Plötzlich zückt er sein Handy, öffnet Google Translator und tippt eifrig los. Strahlend hält er uns kurz darauf sein Handy vor’s Gesicht. „Don’t look at vaginas at late night“, lesen wir darauf. Wie bitte? Mir schießt die Röte ins Gesicht. Wer ist der Typ und was will er von uns? Fesih merkt sofort, dass irgendwas nicht stimmt und zieht sein Handy wieder zurück. „No sense?“ fragt er uns vorsichtig. „No, no sense“, antworten wir. Was dort stand, wollen wir ihm nicht ins Französische übersetzen. Er wagt einen zweiten Versuch, der wieder keinen Sinn ergibt. So greift Fesih ein drittes Mal zu seinem Handy und telefoniert ein Weilchen. Bald darauf klopft es an der Türe und eine junge Frau tritt herein, die hier an der Uni studiert und nun zu unserer Übersetzerin wird.

 
Nach diesem etwas holprigen Start verbringen wir zu fünft einen schönen Abend. Neben der Studentin stößt noch Refik zu unserer kleinen Runde, Student der Veterinärmedizin und auch ein Mieter im Haus. Langsam, sehr langsam, bekommen wir raus, dass Refik unser eigentlicher Gastgeber für die kommenden zwei Nächte sein wird. Unser Abendessen wird beim Lieferservice bestellt und bald erfahren wir bei mehreren Portionen Lahmacun, Çiğ Köfte (rohe Hackfleischbällchen) und Ayran, Dank unserer Übersetzer Refik und der namenlosen Studentin, dass Fesih mittlerweile Rentner ist, früher Häuser baute (unter anderem dieses, in dem wir gerade sitzen) und nun seine freie Zeit als Maler verbringt. Es ist spät geworden und Refik gähnt herzhaft. Er muss morgen wieder früh in die Klinik. Also brechen wir auf, laufen mehrere Stockwerke nach unten und beziehen in Refiks Gästezimmer Quartier. Bevor wir todmüde ins Bett fallen, begutachten wir noch Refiks aktuelle Mitbewohner – kleine Küken, die ihm aus Versehen nass wurden und die er nun mit Wärmelampe und allerhand anderer Sachen versucht, trocken zu bekommen, so dass sie große und starke Hühner werden.

Leo und Sebastian mit den Couchsurfing Gastgebern Refik und Fesih
Bienvenue en Erzurum! Unser Abendessen mit (v.r.) Fesih, Refik und der namenlosen Studentin.
Sebastian hält ein Küken in der Hand
Sebastian ist begeistert von den momentanen „Mitbewohnern“ Refiks 🙂
Ein Küken in gefalteten Handflächen
Zum Glück scheint Refiks Methode, sie wieder zu trocknen, zu funktionieren

Der kommende Tag begrüßt uns entgegen der Wettervorhersage mit strahlendem Sonnenschein und es brennt uns unter den Nägeln, Erzurum kennenzulernen. Allerdings ist Fesih, mit dem wir heute den Tag verbringen werden, eher auf Tee trinken und Reden eingestellt und es kostet uns viel Überzeugung, ihn und seinen Bruder, der spontan zu Besuch gekommen ist, aus dem Haus zu locken. Haben wir anfangs Zweifel, wie wir uns mit ihm werden unterhalten können, klappt es dann mit unserem bisschen Französisch, Händen und Füßen überraschend gut.

 
Wir schlendern gemeinsam durch die Innenstadt und werden trotz Sonnenschein von Fesih erstmal zu einer Shopping Mall geschleppt. Obwohl wir uns verständigen können, reichen beiderseits die Sprachkenntnisse nicht aus, um von Fesih zu erfahren, was in dieser Mall sehenswert sein soll und um ihm zu erklären, dass wir nur in die Mall gehen möchten, wenn es dort mehr als nur Geschäfte gibt. Schließlich geben wir auf und folgen ihm durch die Eingangstüre. Endlich verstehen wir, dass er uns mit einem befreundeten Maler bekannt machen will, der dort seine Bilder ausgestellt hat. Dummerweise ist Herr Özyurt gerade nicht da, aber bei einem Tee dürfen wir seine Bilder begutachten, ihm nach seiner Ankunft nett die Hand schütteln, ein gemeinsames Foto machen und dann endlich raus aus der Mall zurück in den Sonnenschein treten!

Sebastian, Fesih und Leo in Erzurum
Mit Fesih unternehmen wir einen Ausflug zu den Sehenswürdigkeiten Erzurums
Ein Gemälde, das eine Winterlandschaft zeigt
Während wir auf Maler Fesih Özjurt warten, werfen wir einen Blick auf seine Bilder
Sebastian und Fesih sitzen mit einem Mann und einer Frau am Tisch und trinken Kaffee
Endlich ist der Maler, neben Sebastian sitzend, erschienen! Nach einem Tee zieht es uns raus in die Sonne.

Erzurum begeistert uns mit einer entspannten Innenstadt und tollen, alten Gebäuden, die wie aus einer anderen Zeit wirken. Wir besichtigen die Yakutiye-Medrese, eine Religionsschule, die 1310 gebaut wurde, laufen weiter zur Zitadelle Erzurums und genießen einen fantastischen Ausblick auf die Stadt vom Turm der Zitadelle aus. Unser Sightseeing-Programm beschließen wir an der Çifte-Minare-Medrese, der „Doppelminarett-Religionsschule“, uralt und sehr hübsch anzuschauen.

Leo und Fesih vor der Yakutiye-Medrese in Erzurum
Mit Fesih vor der Yakutiye-Medrese, heute ein Museum über das Leben früher in Erzurum
Ein Turm mit Uhr
Wir nähern uns der Zitadelle, zu der dieser Uhrenturm gehört
Zitadelle in Erzurum
Obwohl „geschlossen“ an der Türe steht, lotst uns Fesih in die Zitadelle, die überraschend doch geöffnet ist…
Silhouette einer Zitadelle
Wolken ziehen auf. Hoffentlich nicht schon wieder Regen…
Erzurum vor verschneiten Bergen
Vom Uhrenturm haben wir einen tollen Blick auf Erzurum und die umliegenden Berge
Leo und Sebastian blicken auf Erzurum
Erinnerungsfoto vor der „Zwei-Minarett-Medrese“ im Hintergrund
Die Çifte Minare Medrese in Erzurum
Die Çifte-Minare-Medrese, die „Zwei-Minarett-Medrese“
Eine Gebetskette liegt auf einem kleinen Holztisch
Gebetsketten und…
Goldene Gebetsschale mit arabischen Schriftzeichen
…eine Gebetsschale als Ausstellungsstücke im Museum.
Innenhof der Çifte Minare Medrese
Innenhof der Çifte-Minare-Medrese. Laut Fesih wurden von dem einen Minarett früher die schlechten Schüler runter geschubst. Wir sind uns nicht sicher, ob das wirklich stimmt?!

Vom vielen durch die Stadt schlendern sind wir hungrig geworden und finden ein Suppenrestaurant, in dem wir Auswahl zwischen diversen leckeren vegetarischen und nicht-vegetarischen Suppen haben. Weil wir Ausländer sind, darf auch ich im „normalen“ Bereich des Restaurants Platz nehmen, während die einheimischen Frauen und Familien in den ersten Stock gehen, um dort ungestört von Blicken nicht-verheirateter Männer essen zu können. Ich bin überrascht, so eine Trennung hatten wir bislang in der Türkei noch überhaupt nicht wahrgenommen.

 
Als Fesih einen Anruf bekommt und uns anbietet, uns zu Hause abzusetzen, bevor er zu diesem Termin fährt, stimmen wir erfreut zu. Ein bisschen Entspannung nach einem Tag voller Sightseeing kommt uns sehr entgegen. Als wir vor unserem Haus stehen, bemerken wir, dass es wohl mal wieder ein Missverständnis gab und Fesih doch nicht weg muss, sondern uns auf einen Tee in sein Mini-Räumchen einlädt. Wir erbeten eine Stunde Zeit für uns, was er nicht ganz zu verstehen scheint, uns aber trotzdem zugesteht.

 
Gegen Abend brechen wir wieder auf zu einem letzten Ausflug an diesem Tag. Drei große Skisprungschanzen konnten wir von unserem Haus aus sehen und diese schauen wir uns nun näher an. Fesih hat, als wir aufbrechen, wieder Besuch, und dieser kommt spontan mit. Leider spricht der junge Jurastudent kein Englisch, aber bei einem Tee genießen wir von dem Restaurant genau am höchsten Skisprungturm den Blick auf Erzurum und unterhalten uns, so gut es geht. Erzurum scheint eine regelrechte Sportstadt zu sein. Neben den Skisprungtürmen gibt es ein Schwimmzentrum, eine große Kletterhalle, eine Eishockeyhalle und diverse andere Sportmöglichkeiten. Im Winter ist Erzurum die Hauptstadt des türkischen Wintersports, erklärt uns Fesih.

Skisprungturm in Erzurum
Skisprungtürme hätten wir in Erzurum nicht erwartet. Aber der Ort ist ein Zentrum des Wintersports in der Türkei!
Erzurum bei Nacht
Erst bei Nacht sehen wir, wie weit sich die Straße in die Berge schlängelt
Skisprungturm bei Nacht
Wahnsinn, für kein Geld der Welt würde ich hier runterspringen! 🙂

Schließlich lockt uns ein Anruf unseres Gastgebers Refik zurück nach Hause. Er ist für heute mit der Arbeit fertig und lädt uns auf einen Kräutertee ein. Bei angeregten Gesprächen mit den zu Besuch gekommenen Nachbarn über das anstehende Referendum schließen wir den Abend in seiner Wohnung ab.

 
Am nächsten Morgen freue ich mich über die vorhandene Küche und backe spontan Pfannkuchen. Unser uns in Bulgarien geschenkter Honig versüßt uns das Frühstück! So gestärkt verlassen wir Erzurum und brechen zu unserer heutigen Etappe nach Kars, in Richtung armenischer Grenze, auf.

 
Was wir in Erzurum gelernt haben? Sprachen, egal wie gut (oder schlecht) man sie gelernt hat, werden einem irgendwann nützlich sein. Dass wir Französisch in der Türkei würden brauchen können, hätten wir vorab nicht erwartet. Aber ohne unsere Schulkenntnisse hätten wir uns nur mit dem Bildwörterbuch oder Google Translator unterhalten können. Und diesem vertrauen wir inzwischen nicht mehr besonders… 😉

Leo und Sebastian frühstücken mit Refik in seiner Wohnung
Unser Abschiedsfrühstück – endlich mal Pfannkuchen! 🙂 – mit unserem Gastgeber Refik

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6 Comments

  1. Schön von euch wieder zu „hören“!
    Ich war mir nicht sicher, ob ich meine französische Kenntnisse erfrischen sollte, aber jetzt ist es mir klar geworden: auf jeden Fall! 🙂

    Liebe grüße aus dem unendlichen regenerischen Augsburg!

    1. Liebe Naiara,
      auch wir freuen uns sehr, wieder von dir zu „hören“ 🙂
      Ja, Sprachkenntnisse sind auf jeden Fall klar von Vorteil, aber du bist da ja auch gut aufgestellt!
      Liebe Grüße, wir schicken euch ein bisschen Sonne und Wärme nach Augsburg! 🙂

  2. Hallo, ich schrieb euch schon mal von meiner inter-rail Reise von vor 2 Jahren, auch mit den erreichten Orten Kars, Ani, von denen Ihr nicht berichtet?, Diyabakir und Van. Dann stand , dass Kommentar in Warteliste steht zur Abwendung. Ob das dann passierte, weiß ich nicht. Freue mich ,daß Ihr im Iran seid, wohin letztes Jahr eine Studentenexkursion vom Geo-Institut der Uni Augsburg ging, deren Reisebericht ich dann später hörte.Jetzt probiere ich, ob Absendung klappt und würde mich über Antwort freuen. Gruß Hanno Gröhl——————

    1. Hallo Hanno,
      wir haben dir per mail geantwortet 🙂 Ani und Kars kommen noch! 🙂
      Liebe Grüße!

  3. Hi, leute freu mich zuhören ,dass gab mal leute aus Deutschland Stadt erzurum zu Besuchen. Ich wohne hier seid fast einem Jahr. Und ich habe mich gleich verliebt an diesem Ort. Wann jemand Fragestellung hat sollte an mich anwenden.ich beantworte gerne . Mfg farid

    1. Hi Farid,
      danke für deinen Kommentar und dein Angebot für Fragen zur Verfügung zu stehen! Richtig toll!
      Erzurum hat uns sehr gut gefallen und wir können uns gut vorstellen, dass du dich dort wohl fühlst. Genieß den Sommer dort! 🙂
      Liebe Grüße aus Malaysia
      Leo & Sebastian

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