Heroes

Wir fahren der untergehenden Sonne und Almaty entgegen

Wir hieven unser Gepäck hinein in die Marschrutka, den Minibus, der uns an die kirgisisch-kasachische Grenze bringen wird. Bislang sind außer unseren nur zwei weitere der insgesamt 16 Plätze besetzt. Es wird also noch dauern, bis die Fahrt tatsächlich starten kann. Die Wartezeit überbrücken wir mit einem Spaziergang über den Basar und einem Mittagessen, bei dem wir uns die leckeren Gerichte Pelmeni und Ganfan schmecken lassen. Als wir eine halbe Stunde später wieder zurück kommen, sind tatsächlich alle Plätze verkauft. Unsere Fahrt von Karakol durch das Karkara Tal bis hin an die kirgisisch-kasachische Grenze kann beginnen!

Durch das Fenster blicken wir auf grüne Berge, vereinzelte Jurten und schauen den vielen Tieren zu, die am Straßenrand nach Essbarem suchen. Kirgistan… Auf Wiedersehen! Sieben Wochen waren wir hier, länger als bis zu diesem Zeitpunkt irgendwo sonst auf dieser Reise. Kirgistan… Das waren für uns entspannte, nette drei Wochen im hübschen Osch, ausgedehnte Spaziergänge in Arslanbobs riesigen Walnusswäldern, erbarmungsloses Schwitzen bei 40 Grad in der Hauptstadt Bischkek, traumhafte Urlaubstage am Issyk-Kul, eine herausfordernde Reittour südlich von Karakol und kalte Nächte im Zelt. Kirgistan war aber auch Laghman, das Nationalgericht der Uiguren, Manty, die leckeren Teigtaschen, Kumys, die nicht ganz so leckere Stutenmilch, frische Wassermelonen und allerhand absonderliche, saure Getränke.

Es ist Zeit, „Auf Wiedersehen“ zu sagen, denn wenn wir noch ein Weilchen in Kasachstan sein möchten, bevor wir nach China weiterreisen, dann müssen wir nun los!

Auf Wiedersehen Kirgistan, auf Wiedersehen Karakol. Nach 7 Wochen im Land geht die Reise weiter.
Auf Wiedersehen Kirgistan, auf Wiedersehen Karakol. Nach 7 Wochen im Land geht die Reise weiter.
Ist mir noch aus meiner Kindheit von Erzählungen über die Großeltern bekannt, da steht es auf einmal vor uns: Das Rollende Hotel, mir auch als "Mumientransport" bekannt :-) Tatsächlich sind vor allem etwas ältere Herrschaften an Bord und vor allem Lehrer, wie uns ein Mitreisender verrät. "Nicht immer einfach..." sagt er. Das glauben wir auch, bei so wenig Raum...
Ist mir noch aus meiner Kindheit von Erzählungen über die Großeltern bekannt, da steht es auf einmal vor uns: Das Rollende Hotel, mir früher auch als „Mumienexpress“ beschrieben 🙂 Tatsächlich sind mehrheitlich ältere Herrschaften an Bord und vor allem Lehrer, wie uns ein Mitreisender verrät. „Nicht immer einfach…“ sagt er. Das glauben wir gern, bei so wenig Raum…
Auf dem Markt von Karakol verbringen wir die Wartezeit, bis unsere Fahrt beginnen kann
Auf dem Markt von Karakol verbringen wir die Wartezeit, bis unsere Fahrt beginnen kann
Die Fleischhallen haben es uns immer besonders angetan...
Die Fleischhalle finden wir besonders spannend…
Das Gewusel auf den Märkten ist belebend und erschlagend zugleich
Das Gewusel auf den Märkten ist belebend und erschlagend zugleich
Unsere Marschrutka, irgendwann bereit zur Abfahrt
Unsere Marschrutka, irgendwann bereit zur Abfahrt. Wir freuen uns über den Fensterplatz.

Die Marschrutka fährt durch wunderschöne, leer wirkende Gegenden. Drinnen wird es hingegen voller und voller. Die ansonsten in Kirgistan geltende Regel „eine Person, ein Sitzplatz“ greift hier nicht mehr. Schlaue Einheimische bringen sich einen kleinen Hocker mit und setzen sich in den Gang. Als es immer voller wird, werden Kinder über die Köpfe der Reisenden weiter nach hinten durchgereicht, Gepäck wird unter den Sitzen oder auf dem Schoß verstaut. Irgendwann passe auch ich auf zwei Handtaschen auf, ohne noch den Überblick zu haben, zu wem sie eigentlich gehören. Immer wieder kommen Reiter ans Auto heran, geben große Säcke durchs Fenster herein. Einige Kilometer später stoppen wir und die Säcke werden am Straßenrand Wartenden in die Hand gedrückt. Der öffentliche Verkehr ist selten hier. Umso mehr sind die Leute darauf angewiesen, dass man Einkäufe aus der Stadt mitgebracht bekommt oder Dinge weiterschicken kann.

115 km lang ist die Strecke von Karakol bis an die Grenze zu Kasachstan. Wir brauchen dafür fünf Stunden. Warum? Die Straße ist nicht die beste, eine ältere Dame besteht darauf, am Straßenrand noch frisches Obst einzukaufen, schon erwähnte Päckchen und Pakete werden herein- und wieder hinausgereicht und alle paar Meter steigen Leute ein und aus. Doch schließlich sind wir angekommen und unser Fahrer lässt uns aussteigen. Die anderen Fahrgäste verabschieden uns freundlich.

Wir fahren durch das bildschöne Karkara Tal
Wir fahren durch das bildschöne Karkara Tal
Während es draußen immer menschenleerer wird...
Während es draußen immer menschenleerer wird…
...ist drinnen das Gegenteil der Fall.
…ist drinnen das Gegenteil der Fall.
Reiter kommen ans Auto und geben Säcke hinen oder nehmen andere entgegen
Reiter kommen ans Auto und geben Säcke hinein oder nehmen andere entgegen

Da sind wir nun, mitten im Nirgendwo. Zwei kleine Gebäude stehen auf der grünen Wiese – das soll die Grenze sein? Wir schultern unser Gepäck und nähern uns. Gut gelaunte Soldaten begrüßen uns, wir sind mit einem russischen Touristen die einzigen Reisenden weit und breit. Die Ausreise aus Kirgistan dauert 5 Minuten. „Do you like Kyrgyzstan?“ „Yes, it’s very beautiful!“ „Very good!“ Und – Peng! – wird uns der Ausreisestempel in den Pass gehauen. Auf Wiedersehen Kirgistan! So schnell kann’s gehen…

Ohne eine einzige Kontrolle stehen wir wenige Minuten später vor dem kasachischen Beamten. „Where are you from?“ „From Augsburg, Germany.“ „Augsburg… Do you have a football team?“ “Yes, we have…” “Ah, I remember their colours: green, red, white?!” Wir sind platt! Da stehen wir mitten im Nirgendwo und der kasachische Grenzbeamte kennt sogar die Vereinsfarben des FC Augsburg?! Fußball verbindet, wieder einmal… Auch hier bekommen wir unseren Stempel und nach etwa 15 Minuten ist der gesamte Aus- und Einreiseprozess abgeschlossen. Willkommen in Kasachstan!

Das einzige Problem, das wir haben: wir stehen alleine auf der Straße. Und kein Auto ist weit und breit zu sehen. Wir stellen uns an den Straßenrand und warten. Plötzlich kommen zwei junge kasachische Soldaten auf uns zu, auch sie scheinen nichts zu tun zu haben. Ob sie die Gitarre mal kurz ausleihen dürften? Mit voller Inbrunst spielen und singen uns die beiden einige kasachische und internationale Klassiker, wir sind baff! Doch schon ruft der Vorgesetzte und sie entschuldigen sich. Es ist doch ein Auto aufgetaucht.

Mit diesem dürfen wir dann auch die 25 km in den nächsten Ort Kegen mitfahren und werden direkt vor der einzigen Pension abgesetzt. Nach einem schnellen Abendessen fallen wir bald müde in die Betten, viel zu sehen und zu tun gibt es hier sowieso nicht.

Am nächsten Morgen erreicht uns eine Nachricht von unserem Freund Thomas, der mit seinem roten Van aktuell durch Kasachstan fährt. „Ich komm zu euch. Zum Frühstück bin ich da.“ Und so ist es dann auch. Nach sechs Wochen unterschiedlicher Reiserouten biegt auf einmal Thomas mit seinem Auto um die Ecke! Er ist auf entgegengesetzter Strecke zurück auf dem Weg nach Kirgistan. Gemeinsam frühstücken wir im Hof unserer Pension und Thomas fährt uns im Anschluss an die Straße, wir wollen weiter und auch er muss los.

Irgendwo im Nirgendwo befindet sich der kleine Grenzübergang zwischen Kirgistan und Kasachstan
Irgendwo im Nirgendwo befindet sich der kleine Grenzübergang zwischen Kirgistan und Kasachstan
Überraschungsfrühstück mit Thomas und einem kasachischen Pensionsgast
Überraschungsfrühstück mit Thomas und einem kasachischen Pensionsgast
Warten auf ein Auto am Weg zum Canyon
Warten auf ein Auto am Weg zum Charyn Canyon

„Sorry guys, our car is full… But maybe my friends have some space for you?!“ Ein nett wirkender Kasache blickt hinter seinen großen Sonnenbrillengläsern aus seinem riesigen Toyota Land Cruiser auf uns herab. Zwei weitere schwarze Karossen halten und nach einer kurzen Besprechung auf Kasachisch öffnet er doch die Türe – „Come in!“. Was „unser Auto ist voll“ hier wohl heißen mag? Problemlos passen wir beide samt all unserem Gepäck in das Riesenauto hinein und haben immer noch komfortabel Platz.

Unsere Fahrt in den Charyn Canyon ist kurzweilig, doch schon bald frage ich mich, zu wem wir hier eigentlich ins Auto gestiegen sind. Bierdosen wechseln die Besitzer, die beiden kleinen Jungs im Kofferraum naschen aus ihren Chipstüten und als wir am zahlpflichtigen Checkpoint mit einem kurzen Blick einfach durchgewunken werden, kann ich es mir nicht verkneifen zu fragen, ob sie vielleicht berühmte Persönlichkeiten sind? Doch Max und seine Freunde lachen nur. Sie sind Polizisten aus Almaty, die das Wochenende mit ihren Familien im Charyn Canyon verbringen wollen. Und die – bis auf den Fahrer und die Kinder – schon alle gut einen sitzen haben…

Während der Fahrt in den Canyon schließt uns Vadim tief in sein Herz. „FRIENDS!“ ruft er alle paar Minuten in ohrenbetäubender Lautstärke und reckt die geballte Faust Richtung Autodach. Und im Wechsel: „Germany and Kazakhstan – FRIENDS!“ Vadim erinnert mich ein wenig an ein Riesenbaby. Fast zwei Meter groß, einige Kilo zu viel auf der Waage, weich gepolstert und mit einem freundlichen, runden Gesicht. Aktuell ist er allerdings ziemlich betrunken und ich bekomme unfreiwillig eine Bierdusche von ihm verpasst, als er sich schwunghaft zur Rücksitzbank umdreht, um uns zuzuprosten. Ich bin froh, als wir endlich unten im Canyon ankommen und diese Fahrt ein Ende hat.

Während die normalen Menschen in den Canyon laufen müssen...
Während die normalen Menschen in den Canyon laufen müssen…
...fahren wir bis ganz hinein.
…fahren wir bis ganz hinein.
Max und Vadim haben uns in ihr Herz geschlossen
Max und Vadim haben uns in ihr Herz geschlossen
Noch ist unsere Stimmung gut
Noch ist unsere Stimmung gut…
...und wir freuen uns, es bis in den Canyon geschafft zu haben.
…und wir freuen uns, es bis in den Canyon geschafft zu haben.

Eigentlich wollten wir im Charyn Canyon campen. Als „Grand Canyon Kasachstans“ wurde er uns angepriesen, mit „tollem Garten“, „ganz viel Grün“, doch alles was wir sehen, ist ein steiniger Parkplatz und einige Holzhütten und Jurten, eingerahmt von hohen Bergwänden. Viel Platz ist hier nicht und ein nettes Plätzchen für unser Zelt ist auch nicht zu entdecken. Wir wollen uns gerade für die Mitfahrgelegenheit bedanken und endlich das Weite suchen, da fassen die riesigen Pranken von Vadim Sebastians und meine Schultern. Sanft, aber bestimmt, werden wir in Richtung Restaurant geschoben. „First lunch, then fishing, then dinner“, gibt er uns den Tagesablauf vor. Hmm, unsere Pläne sahen anders aus.

Das Mittagessen, das vor allem aus Vodka und kleinen Häppchen besteht, steigt uns schnell zu Kopf. Doch Aussteigen ist nicht. „One more, just one more! It would be very rude not to drink one more Vodka with us!” Unbeirrt schenkt der Kellner unsere Gläser nach und das Einzige, was am Ende hilft, ist einfach nichts mehr abzutrinken. Als die Männer zum Fischen und Baden aufbrechen, können wir uns endlich abseilen. Unter dem Vorwand, ein Platz für unser Zelt zu suchen, verschwinden wir schnell und ziehen uns zur Beratung möglichst sichtgeschützt zurück. Sich eine Hütte mit unseren besoffenen neuen Freunden teilen? Zelten, aber unsere neuen Freunde ständig am Zelt klopfen haben? Beides keine verlockenden Aussichten. Das Gelände ist zu klein, um sich verstecken zu können und schön ist es leider auch nicht.

Also schultern wir, wieder mal, unser Gepäck und machen uns auf den Weg Richtung Canyon-Ausgang. Es ist erst 18 Uhr, wenn wir Glück haben, fahren vielleicht noch Tagesausflügler nach Hause. Erst jetzt bemerken wir, wie lange der Weg doch war, den wir in den klimatisierten dicken Autos komfortabel mitgenommen wurden, und wie stetig bergauf es geht. Fix und fertig treffen wir im Canyon ein Pärchen, welches kein Gepäck dabei hat und schick gekleidet ist. Ob sie wohl nach Almaty fahren? Fahren sie! Und – Jackpot – sie nehmen uns mit! Unser Gepäck müssen wir zwar leider immer noch alleine schleppen, doch die Aussicht, unsere besoffenen neuen Bekannten verlassen und heute Abend in Almaty schlafen zu können, beflügelt uns regelrecht.

Wir verlassen den Canyon doch wieder
Wir verlassen den Canyon doch wieder
Der Weg ist weiter als gedacht
Der Weg ist weiter als gedacht und führt überraschend lange bergauf
Canyon-Idyll?!
Canyon-Idyll?!

Als die Sonne untergegangen ist und die letzten Fotos geschossen sind, kommen endlich Josh und Alima mit ihrem gigantischen Mietwagen angefahren. Große Karren scheinen in Kasachstan zum guten Ton zu gehören.

Es ist schon mitten in der Nacht, als wir endlich Almaty erreichen. Die beiden fahren uns bis direkt vor unser Hostel und lehnen jede Art der Benzinkostenbeteiligung kategorisch ab. Wir bedanken uns herzlich und klopfen an die Hosteltüre. Wir wissen bereits, dass es für diese Nacht ausgebucht ist, haben uns aber auch schon ein Plätzchen im Garten reserviert und schlagen dort nun unser Zelt auf.

Was waren das für zwei verrückte Tage! Im vollgestopften Bus geht es von Karakol an die kasachische Grenze, mit einem netten Herren ins verschlafene Örtchen Kegen. Dort treffen wir auf einmal den seit Wochen nicht mehr gesehenen Thomas zum Frühstück und trampen an den Rand des Charyn Canyons. Um dort von einer Horde besoffener (aber netter) Polizisten auf Wochenendtrip adoptiert zu werden. „You are my heroes tonight“, sagt Alima, als sie von unserer Reisegeschichte hört und dass wir über Land von Deutschland aus bis nach Kasachstan gereist sind. „No, honestly: YOU are OUR heroes tonight!“ entgegne ich ihr, dankbar, dass sie uns bis vor die Haustüre unseres Hostels gefahren haben und wir nun endlich angekommen sind in Almaty, der größten Stadt Kasachstans.

Fix und fertig warten wir oberhalb auf Josh und Alima
Fix und fertig warten wir oberhalb des Canyons auf Josh und Alima
Immerhin das Licht passt...
Immerhin das Licht passt…
...und wir können noch ein paar Erinnerungsfotos machen.
…und wir können noch ein paar Erinnerungsfotos machen.
Kurz hinter dem Canyon beginnt die Steppe Kasachstans
Kurz hinter dem Canyon beginnt die Steppe Kasachstans
Wir fahren der untergehenden Sonne und Almaty entgegen
Wir fahren der untergehenden Sonne und Almaty entgegen

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