Seit sechs Monaten unterwegs – ein halbes Jahr!

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Ein halbes Jahr sind wir nun schon unterwegs – Wahnsinn!!

Als wäre es gestern gewesen, kann ich mich an den 6. März erinnern. Aufgeregt tigerte ich durch das Haus meiner Eltern und wartete auf Sebastian, der von seinem Vater Jürgen im Auto gebracht werden sollte. Es klingelte an der Türe – „da sind sie!“. Doch nicht Sebastian und Jürgen schauten mich an, sondern zwei Männer mittleren Alters, die sich als Zeugen Jehovas vorstellten. Noch nie hatten welche bei mir an der Türe geklingelt und dann genau jetzt, in diesem Moment! Sie konnten aber gut verstehen, dass ich jetzt leider nicht die Muße hatte, über „Gott und die Welt“ zu plaudern und verwiesen mich an ihre vielen Kollegen, die wir tatsächlich bis zur Türkei in jedem Land sehen sollten und wünschten uns eine tolle Reise…

So kommt es mir einerseits wie gestern vor, dass wir aufgebrochen sind. Doch wenn ich überlege, wie viele Menschen wir bereits getroffen, wie viele Länder wir besucht, wie viele unterschiedliche Gerichte wir gegessen, an wie vielen unterschiedlichen Orten wir übernachtet und in wie vielen unterschiedlichen Transportmitteln wir gesessen haben, so ist doch ziemlich viel passiert in diesem letzten halben Jahr.

Und so haben wir uns die letzten Tage hingesetzt, gerechnet, überlegt, gebastelt und gewerkelt, um euch (und uns 🙂 ) diese Infografik als kleine Zusammenfassung und Fazit unseres ersten halben Reisejahres präsentieren zu können. Voilà!

Infografik - Ein halbes Jahr 2

Trotz schöner Infografik wollen wir aber auch unseren Monatsberichten treu bleiben. Deshalb:

Was haben wir gemacht, im Monat August, unserem sechsten Reisemonat?

Im August, passend zur (süd-)deutschen Urlaubszeit, begann unsere Zeit am „Meer“. Obwohl in Zentralasien, gönnten wir uns entspannte Strandtage am Issyk-Kul, dem „Meer“ Kirgistans, dem größten See des Landes. Sandstrand, Sonnenschirme, urlaubshungrige Kirgisen, Kasachen und Russen, Unterkünfte direkt in Strandnähe. Obwohl uns von anderen Reisenden von der Nordküste des Issyk-Kuls abgeraten worden war („zu touristisch“, „nicht schön“, „zu hektisch“), empfanden wir unsere Tage ebendort als angenehm und sehr entspannend!

Der August war aber auch der Monat für ein echtes Outdoor-Erlebnis und einen weiteren erst gar nicht geplanten Länderwechsel…

Abendstimmung am sommerlichen Issyk-Kul
Abendstimmung am sommerlichen Issyk-Kul

Welche Momente im August werden uns in guter Erinnerung bleiben?

  • Unser Strandaufenthalt in dem kleinen Ort Tamchy am Issyk-Kul gibt uns spannende Einblicke in die Urlaubsvorstellungen von Kirgisen, Kasachen und Russen. Die Unterkünfte, die wir von innen sehen, sind alle eher basic. Toilettenpapier ist im Preis nicht inbegriffen, Frühstück sowieso nicht und Handtücher leider auch nicht. Trotzdem sind die Unterkünfte voll und unsere russischen Zimmernachbarinnen (alle etwas älteren Semesters) fühlen sich nach eigener Angabe hier mehr als wohl. Meine Großmutter, so überlege ich gerade, würde sich für ihren Sommerurlaub wahrscheinlich eine etwas ansprechendere Unterkunft vorstellen.
  • Der Strand: Nur 30 Meter entfernt von unserem Zimmer – woooha!! 😊
  • 1-Liter-Vodkaflaschen stehen schon mittags auf den Tischen im Restaurant unseres Vertrauens. Es sind keineswegs jugendliche Trunkenbolde, sondern Freundinnen in den Vierzigern, Familien (keine Sorge, auch hier kriegen die Kinder nichts vom Vodka) und „ganz normale Leute“, die sich ihren Vodka bereits zum Mittagessen mitbringen. Haben wir so zum ersten Mal beobachten können.
  • Eine Woche campen wir im Garten einer wunderbaren kleinen Ökolodge in Grigorievka etwas weiter östlich am Issyk-Kul, umgeben von Aprikosen- und Apfelbäumen und von Unmengen Himbeersträuchern. Was für ein Luxus, sich schnell mal ein bisschen frisches Obst direkt vom Baum/Strauch pflücken zu können und damit das Frühstück aufzupeppen!
  • Auch können wir uns dort Räder ausleihen und die nur 7 Kilometer zum See radeln. Dank „Abkürzungen“ und einigen Überraschungen sind wir am Ende 24 Kilometer und über 4 Stunden (Fahrzeit…) auf Staub-Schotter-Schlaglochpisten unterwegs…
Wohl auch ein Grund, warum die Fahrradtour länger wurde, als gedacht... ;-) Kleine Überschwemmung auf dem Weg zum Strand
Wohl auch ein Grund, warum die Fahrradtour länger wurde, als gedacht… 😉 Kleine Überschwemmung auf dem Weg zum Strand
  • Im Ort Karakol treffen wir auf einmal wieder die vielen westlichen Touristen, die sich in den letzten Wochen irgendwo versteckt zu haben scheinen. Es ist ein kleiner Schock und wir verlassen den Ort so schnell wie möglich wieder.
  • Wir machen die erste Reittour unseres Lebens! Vier Tage lang geht es mit Guide Mika und unseren drei Pferden, bepackt mit Zelt und Campingkocher, in die einsame Natur südwestlich von Karakol und unser Wunsch wird wahr: Wir sind unabhängig, können überall stoppen und unser Zelt aufschlagen und treffen nur einige Hirten und Kirgisen auf ihren Sommerweiden. Mehr wird noch nicht verraten, denn natürlich werden wir hierzu auch einen Blogartikel schreiben… 😉
Auf knapp über 3000 Metern schlagen wir das erste Nachtlager unserer Reittour auf. Was es zu Essen gibt? Nudeln mit Gemüse, drei Abende lang :-)
Auf knapp über 3000 Metern schlagen wir das erste Nachtlager unserer Reittour auf. Was es zu Essen gibt? Nudeln mit Gemüse, drei Abende lang 🙂
  • Wir hören Geschichten über einen kleinen und abgelegenen Grenzübergang von Kirgistan nach Kasachstan, der nur in den Sommermonaten geöffnet ist. Eigentlich haben wir andere Pläne, aber spontan überlegen wir neu: Anstelle des Südufers des Issyk-Kuls erkunden wir seitdem Kasachstan!
  • Wir sammeln erste Erfahrungen im Trampen. Von Familien, die für uns zusammenrutschen, Geschäftsmännern und verrückten Polizisten auf Urlaubstrip nehmen uns unterschiedlichste Leute in ihren Autos mit – jede Fahrt ist ein Erlebnis für sich!
  • Spontan treffen wir unseren Bekannten Thomas, mit dem wir in Usbekistan und Tadschikistan im roten Van gereist sind, im winzigen kasachischen Örtchen Kegen zum Frühstück. Das Timing ist perfekt, denn er ist in entgegengesetzter Richtung wieder zurück nach Kirgistan unterwegs.
Unser spontanes Frühstück mit Thomas im Hotelhof samt kasachischem Besucher, der auch gerne mit auf's Foto will ;-)
Unser spontanes Frühstück mit Thomas im Hotelhof samt kasachischem Besucher, der auch gerne mit auf’s Foto will 😉
  • Für einen Tag stoppen wir im Charyn Canyon, dem „Grand Canyon Kasachstans“, wie die Kasachen uns stolz wissen lassen. Es ist unser bis dato extremster Tag in Sachen Trampen: 286 Kilometer legen wir in etwa 12 Stunden in drei unterschiedlichen Autos zurück. Das Glück ist an diesem Tag (wiedermal) auf unserer Seite!
  • Almaty überrascht uns mit bestens gefüllten Supermarktregalen, neuen und großen Autos wohin das Auge blickt und einem großen Hostelgarten, in dem wir mitten in der Großstadt unser Zelt aufschlagen dürfen. Trotzdem: Almaty ist hektisch, laut und für uns nicht der Platz für einen längeren Aufenthalt.
  • Wir besuchen die Expo in Kasachstans Hauptstadt Astana: „Future Energy“ ist das diesjährige Thema. Der russische Pavillon verblüfft uns mit einem arktischen Eisblock und dem Thema Atomenergie. Nett, dass der deutsche Pavillon andere Wege einschlägt und die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt rückt.
  • Im kasachischen Dorf Korgal’zhyn sehen wir Flamingos und Saiga-Antilopen, werden zum Vodkatrinken vom Herren des Hauses genötigt und haben zum ersten Mal Mäuse im Zimmer. Obwohl ich es nie für möglich gehalten hätte: auch an solche Mitbewohner gewöhnt man sich.
  • Zum ersten Mal besuchen wir eine kasachische Banja, ähnlich der finnischen Sauna. Trotz fast 30 Grad Außentemperatur ist es ein netter und entspannender Nachmittag. Birkenzweige gab’s übrigens auch 🙂
Der österreichische Expo-Pavillon ist ganz auf's Mitmachen eingestellt. Sebastian strampelt, um Strom für seinen Fernseher zu erzeugen.
Der österreichische Expo-Pavillon ist ganz aufs Mitmachen eingestellt. Sebastian strampelt, um Strom für seinen Fernseher zu erzeugen.

Wie sah es in diesem Monat mit Fettnäpfen oder skurrilen Situationen aus?

  • An der Nordküste des Issyk-Kuls stehen wir an der einzigen Hauptstraße und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Ein uniformierter Herr kommt auf uns zu und fragt uns, wohin wir wollen. Spontan bietet er uns an, uns die 30 Kilometer zu fahren. Wir sind nicht ganz überzeugt und zögern, deshalb will er uns scheinbar die Entscheidung erleichtern: „For 200 Dollar I will drive you“. Das scheint er ernst zu meinen. Wir lachen und können getrost ablehnen, denn die Strecke sollte normalerweise nicht mehr als 4 Dollar für zwei Personen kosten.
  • In vielen Ländern, in denen wir mit Menschen ins Gespräch kommen, fällt immer irgendwann die gleiche Frage: „Where are you from?“. Die Reaktionen sind sich meist ähnlich: „Oh Germany. Very good!“. Ab und an ruft dann unser Gesprächspartner sogleich begeistert, dass er etwas auf Deutsch sagen könne. Wir erwarten ein „Ich liebe dich“ oder ähnliches, aber nein, es kommt ein „Heil Hitler!“. Manchmal auch von der Frage „Was he good or was he bad?“ begleitet. Da uns solche Reaktionen in jedem Land der Reise bislang unterkamen, sind wir mittlerweile schon nicht mehr so schockiert, klären unsere Gesprächspartner aber gerne auf.
  • In unserem Hostel in Almaty treffen wir einen Reisenden, der uns begeistert von seiner Methode erzählt, Geld zu verdienen. Geschickt bucht er immer besonders billige Flüge zu einem beliebigen Ziel und sammelt auf diesen Flügen Unmengen von Flugmeilen. Auf einem offensichtlich existierenden Schwarzmarkt im Internet verkauft er diese Meilen an Andere weiter und kommt so zum einen gut in der Welt rum und verdient nebenbei noch Geld damit. Als seine Geschichte beendet ist, fragt er uns, wie wir so reisen. Ups, absolut entgegengesetzt – komplett ohne Flugzeug…
Zelten mitten in der Großstadt, umgeben von Hühnern. Auch irgendwie skurril.
Zelten mitten in der Großstadt, umgeben von Hühnern. Auch irgendwie skurril.

Ob uns das Reisen bereits verändert hat?

Diese Frage stellten wir uns direkt nach unserem ersten Reisemonat und danach bislang nicht mehr. Doch nun sind sechs Monate rum, eine gute Gelegenheit, nochmal zu überlegen:

Wohl ja und nein zugleich. „Nein“, denn wir sind hoffentlich immer noch die gleichen Menschen, als die wir losgefahren sind. Freunde und Familie haben uns bislang zum Glück nichts Gegenteiliges zurückgemeldet.

Ein „Ja“ lässt sich aber trotzdem benennen, wenn ich z.B. an folgende Situation letztens zurückdenke: In der Abenddämmerung spazieren wir durch das Dorf Korgal’zhyn. Von uns bis zu diesem Moment unbemerkt, steuert plötzlich von rechts ein Mann schnellen Schrittes auf uns zu, den rechten Arm hoch zum Gruß erhoben. Wir müssen unweigerlich an einen Hitlergruß denken. Er scheint unsere skeptischen Gesichter zu bemerken, lacht, lässt seinen Arm sinken und streckt Sebastian stattdessen beide Hände zur Begrüßung entgegen. Die beiden grüßen sich kurz und herzlich, auch ich werde verbal in Korgal’zhyn willkommen geheißen, und schon ist der uns unbekannte Mann wieder verschwunden. Wir setzten unseren Spaziergang fort, als wäre nichts Besonderes passiert, was es in dem Moment für uns auch tatsächlich nicht ist. Erst später müssen wir lachen und überlegen, wie wir wohl am Anfang der Reise auf so eine Situation reagiert hätten. So normal, wie in diesem Moment, wäre es für uns wahrscheinlich nicht gewesen.

Was uns auch immer wieder auffällt: dass wir wohl doch deutscher sind als gedacht. Die deutsche Beschwerdekultur haben wir jedenfalls verinnerlicht und es fällt uns nicht immer leicht, uns zurückzuhalten und Kritikpunkte einfach runterzuschlucken, auch wenn unserer Meinung nach ein Feedback sehr zur Verbesserung beitragen würde 😉 Obwohl uns bewusst ist, dass der direkte deutsche Kommunikationsstil nicht überall das auslöst, was wir gerne hätten, sondern auch für Entrüstung oder Empörung sorgen kann, haben wir uns das ein oder andere Feedback doch nicht verkneifen können.

Ein bisschen werden wir uns wohl also doch verändert haben. Wir haben gelernt (mussten lernen…), dass nicht immer alles so läuft wie geplant und dass wir manchmal zu neuen Plänen gezwungen werden, die wir selber so nicht angestoßen hätten. Wir haben aber auch gelernt, dass egal was kommt, es im Nachhinein eigentlich immer schön war und sich gelohnt hat, auch wenn wir das im ersten Moment nicht gleich sehen konnten.

Und natürlich sind wir wahrscheinlich noch ein wenig offener für andere Leute geworden, radebrechen auf Russisch, ohne zu überlegen, wie sich das wohl anhört und lassen mittlerweile auch mal eine Sehenswürdigkeit eine Sehenswürdigkeit sein und entscheiden uns trotzdem gegen ihren Besuch und für etwas anderes. Und gönnen uns mal häufiger eine Pause als am Anfang. Und Sebastian bekommt täglich ein Eis 😉

Wir lernen, kirgisische Manty zuzubereiten und bringen vielleicht eine neue Fähigkeit nach der Reise mit nach Hause :-)
Wir lernen, kirgisische Manty zuzubereiten und bringen vielleicht eine neue Fähigkeit nach der Reise mit nach Hause 🙂

Unser Fazit des sechsten Monats:

Gerade die Nordküste des Issyk-Kuls wurde uns von anderen Reisenden nicht gerade schmackhaft gemacht und doch hat es uns hier bestens gefallen! Was wir uns deshalb merken: Empfehlungen sind gut, aber wir müssen selbst entscheiden, was wir auf unserer Reise machen und sehen möchten und was nicht.

Kirgistan ist ein tolles Urlaubsland und wir haben vieles noch nicht gesehen – trotzdem entschieden wir uns spontan für den Abstecher nach Kasachstan. Eine Entscheidung für irgendetwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anders.

Und nun – genug der philosophischen Gedanken! 😊 Auf in den siebten Reisemonat! Toll, dass ihr über Blog, Facebook und Instagram mit dabei seid und uns so regelmäßig schreibt!! Über eure Kommentare freuen wir uns immer sehr! Dankeschön! 😊

Auf in die zweite Hällfte unserer Reise! Schön, dass ihr uns begleitet!!
Auf in die zweite Hälfte unserer Reise! Schön, dass ihr uns begleitet!!

4 Comments

  1. Hi!!
    Unglaublich was man in 6 Monaten alles machen kann. Wenn man einfach zu Hause ist, arbeitet und das ganze, merkt man gar nicht, dass 6 Monate rum sind. Es ist quasi tagtäglich immer das gleiche! Toll, dass ihr euch so was gönt!
    Noch zu organisatorischen: 25€ p.p/Tag, oder? 😉

    1. Hi liebe Naiara,
      genau, 25€ pro Person pro Tag im Durchschnitt 🙂
      Ja, wir müssen auch immer wieder überlegen, wie wohl eine Woche zu Hause gewesen wäre und was wir alles machen und erleben, seit wir unterwegs sind. Aber genau diese Fülle an Eindrücken wird manchmal auch ein bisschen viel, so dass wir uns (mittlerweile) öfters mal ein Päuschen an einem ruhigen Ort gönnen 🙂
      Liebe Grüße zu dir & Tobias!

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